In einem seltenen Moment der Verwundbarkeit eines Unternehmens erkennt Volkswagen an, dass sein erster Vorstoß in die Ära der Elektrofahrzeuge (EV) das Ziel verfehlt hat. Das Unternehmen hat zugegeben, dass die erste Generation seines ID. Serien – insbesondere das Fließheckmodell ID.3 und das SUV ID.4 – konnten den wesentlichen „Geist“ der Marke Volkswagen nicht einfangen, was zu einer umfassenden strategischen und kulturellen Überarbeitung führte.
Dieses Eingeständnis markiert einen bedeutenden Wendepunkt für den deutschen Autohersteller, der sich auf eine massive Welle neuer Markteinführungen vorbereitet, beginnend mit dem überarbeiteten ID.3 „Neo“ nächste Woche, gefolgt von einer Produktpalette mit dem ID.Polo, ID.Cross und einem aufgefrischten ID.4.
Den Kurs korrigieren: Design und Benutzerfreundlichkeit
Volkswagen-Markenchef Thomas Schäfer äußerte sich offen zu den Fehlern, die treue Kunden verärgerten. Unter der vorherigen Führung entfernte sich die Marke von ihrer Kernidentität und konzentrierte sich auf Trends, die bei ihrer traditionellen Nutzerbasis keinen Anklang fanden.
Die Hauptkritikpunkte richteten sich gegen den Original-ID. Das Sortiment umfasst:
– Identitätskrise: Außendesigns, denen die „wahre Volkswagen“-Ästhetik fehlte.
– Schlechte Ergonomie: Die Implementierung unintuitiver, von Smartphones inspirierter Bedienelemente – wie berührungsempfindliche Schieberegler für die Klimaregelung – die viele Fahrer als frustrierend empfanden.
– Namensverwirrung: Abkehr von ikonischen, etablierten Modellnamen wie Golf, Polo und Tiguan hin zu einer neuen, weniger erkennbaren Nomenklatur.
„Wir haben tatsächlich unseren Kern verloren: das, wofür Volkswagen wirklich steht, das besondere Volkswagen-Gefühl, für Kunden, für Fans und für unsere Teams“, gab Schäfer zu.
Von der Intuition zum kundenzentrierten Engineering
Ein wesentlicher Treiber dieses Wandels ist ein grundlegender Wandel in der Art und Weise, wie Autos entwickelt werden. Historisch gesehen zeichnete sich Volkswagen durch eine „Macho“-Unternehmenskultur aus, die von legendären, aber polarisierenden Persönlichkeiten wie Ferdinand Piech und Martin Winterkorn angeführt wurde. Diese Ära war geprägt von Top-Down-Direktiven und aggressiven Zielen, die schließlich zum berüchtigten Diesel-Abgasskandal beitrugen.
Unter der neuen Führung von Schäfer und Technikchef Kai Grünitz versucht das Unternehmen, diese alte Garde abzubauen. Die neue Philosophie geht weg von der „Intuition der Führungskraft“ und hin zu datengesteuertem Kundenfeedback.
Anstatt dass Ingenieure aufgrund persönlicher Vorlieben entscheiden, was ein Auto braucht, nutzt VW jetzt:
– Umfangreiche Kundenschulungen: Testen von Funktionen direkt mit realen Benutzern.
– Strenge Benutzerprofile: Entwicklung von Fahrzeugen, die auf spezifische, dokumentierte Fahrerbedürfnisse zugeschnitten sind.
– Benutzerfreundlichkeit statt Neuheit: Wiedereinführung physischer Knöpfe und taktiler Elemente (wie herkömmliche Türgriffe), um sicherzustellen, dass Autos im Alltag funktionsfähig bleiben.
Eine neue Designsprache
Um diese visuelle Wiedergeburt voranzutreiben, engagierte Volkswagen den Designer Andy Mindt von Bentley. Ziel ist es, weg von der experimentellen Ästhetik und hin zu einer Designsprache zu gelangen, die klar, zeitlos und selbstbewusst ist.
Das kommende Konzept ID.2all dient als Blaupause für diese neue Ära. Der Schwerpunkt liegt auf einer „klobigen“ Haltung und klaren Oberflächen, die auch nach einem Jahrzehnt der Nutzung noch gut aussehen. Am wichtigsten ist, dass das Design von der Logik geleitet wird; Beispielsweise ist die Rückkehr traditioneller Türgriffe eine direkte Reaktion auf Kunden, die beim Tragen von Lebensmitteln Probleme mit der Verwendung von Unterputzgriffen hatten.
Der Weg in die Zukunft
Der Erfolg dieses Kultur- und Produktwechsels bleibt abzuwarten. Volkswagen versucht, von einem Unternehmen, das einfach „Motoren mit Blech darum herum verkauft“, zu einem Unternehmen zu werden, das „Emotionen und Erinnerungen“ verkauft.
Während das Unternehmen seine neue Produktpalette bis 2026 einführt, wird der ultimative Maßstab für den Erfolg nicht der interne Stolz sein, sondern ob die weltweiten Verkaufszahlen das wiedergewonnene Vertrauen der treibenden Öffentlichkeit widerspiegeln.
Schlussfolgerung
Volkswagen versucht eine Kurskorrektur mit hohem Einsatz, indem es experimentelle, technikzentrierte Designs zugunsten der intuitiven, erkennbaren und praktischen Qualitäten aufgibt, die sein Vermächtnis begründet haben. Ob diese Rückkehr zu den „Markenwurzeln“ desillusionierte Kunden zurückgewinnen kann, bleibt die größte Herausforderung für das Unternehmen.


















