Für viele Enthusiasten fühlte sich die Abkehr von der speziellen Aluminium-Spaceframe-Plattform, die in früheren AMG GT-Modellen verwendet wurde, wie ein Todesstoß für einen Klassiker an. Der Wandel von einer reinen, leichten Sportwagenarchitektur zu einem schwereren, konventionelleren Aufbau ließ ernsthafte Zweifel aufkommen: Könnte sich ein AMG immer noch wie ein „echter“ Sportwagen anfühlen, wenn er fast 5.000 Pfund wiegt und auf Hybridtechnologie setzt?
Der Mercedes-AMG GT63 S E Performance liefert eine eindeutige, wenn auch komplexe Antwort. Es ist ein Fahrzeug zwischen zwei Welten – der rohen, mechanischen Seele eines traditionellen Rohlings und der hochtechnologischen, elektrifizierten Zukunft der Leistung.
Ein grundlegender Wandel im Ingenieurwesen
Der Übergang von der alten C190-Plattform zum neuen C192-Chassis stellt einen massiven Wandel in der Philosophie dar. Mercedes-AMG hat sich vom leichten Heckgetriebe abgekehrt und stattdessen ein konventionelleres Frontgetriebe und eine Aluminium-Stahl-Mischkarosserie gewählt.
Zu den wichtigsten mechanischen Änderungen gehören:
– Antriebsstrang: Ein Wechsel von einem Doppelkupplungsgetriebe zu einer Neungang-Planetengetriebe-Automatik.
– Aufhängung: Eine Verlagerung von einfachen Doppelquerlenkern zu komplexeren Mehrlenkeranordnungen.
– Schmierung: Der Ersatz eines streckentauglichen Trockensumpfsystems durch ein standardmäßigeres Nasssumpfsystem.
– Hybridisierung: Die Hinzufügung des P3-Hybridsystems, das einen 201-PS-Elektromotor in das Hinterachsdifferenzial integriert.
In Kombination mit dem 4,0-Liter-V8 erzeugt dieses Setup atemberaubende 805 PS und 1.047 Pfund-Fuß Drehmoment.
Das Fahrerlebnis: Präzision vs. Komplexität
Das Fahren des GT63 S E ist eine Übung im Umgang mit hochentwickelter Technologie. Das Auto nutzt eine riesige Palette an „physikalischen“ Werkzeugen, darunter eine Hinterradlenkung, aktive Stabilisatoren und adaptive Dämpfer.
Die Hybrid-Hürde
Die Integration der elektrischen Energie ist nicht ohne Wachstumsschwierigkeiten. Während der anfängliche elektrische Schub augenblicklich erfolgt, kann sich die Übergabe zwischen dem Elektromotor und dem V8 bei moderater Gasbetätigung unkultiviert anfühlen. Manchmal kann es vorkommen, dass das System die elektrische Leistung gerade dann reduziert, wenn der V8 den Ladedruck aufbaut, was zu einem vorübergehenden Drehmomentabfall führt.
Es gibt jedoch eine Problemumgehung: Fahren Sie aggressiv. Beim Drücken scheinen die Algorithmen effektiver zu synchronisieren und das Auto findet einen Rhythmus.
Handhabung und Feedback
Trotz seiner beträchtlichen Masse zeichnet sich das Auto beim Schieben durch hervorragende Leistungen aus. Die Lenkung ist außergewöhnlich kommunikativ – eine Seltenheit bei modernen Hochleistungsautos – und der Übergang vom Bremsen zur Kurvenfahrt macht bemerkenswert süchtig.
– Am Limit: Das Auto nutzt den Heckmotor, um die Fahrbalance zu manipulieren und so das Fahrwerk bei aggressiven Manövern zu stabilisieren.
– Der „Tanz“: Wenn der Fahrer den Bremsdruck durch einen Scheitelpunkt bringt, verwandelt sich das Auto von einem schweren Cruiser in ein Präzisionsinstrument, das mit Supersportwagen-ähnlicher Dringlichkeit durch die Kurven schneidet.
Innenraum und Schnittstelle: Luxus trifft auf digitale Reibung
Der Innenraum ist ein visuelles Spektakel aus Edelstahlakzenten und hochwertigen Animationen, leidet jedoch unter einem modernen Trend: dem Verlust der Haptik.
Das 11,9-Zoll-MBUX-Display und das 12,3-Zoll-Kombiinstrument sind schnell und scharf, aber fast alle Funktionen sind auf Touchscreens beschränkt. Bei einem Fahrzeug, dessen Preis über 220.000 US-Dollar liegt, kann das Fehlen physischer Tasten für wichtige Funktionen wie ein Rückschritt in Richtung ergonomischen Luxus wirken.
Marktpositionierung: Der Wettbewerb mit hohen Einsätzen
Mit einem Preis von 221.299 US-Dollar betritt der GT63 S E Performance eine hart umkämpfte Arena. Es muss seine Existenz gegenüber etablierten Titanen rechtfertigen:
- Porsche 911 Turbo S: Der Maßstab für Effizienz und Präzision, wenn auch wohl weniger „verspielt“ als der AMG.
- Aston Martin Vantage S: Ein direkter Konkurrent, der ein besonderes Interieur und ein ähnlich eindrucksvolles Handling bietet.
Auch wenn der AMG nicht mit der leichten Agilität eines Porsche mithalten kann, kompensiert er dies mit purer, unverfälschter Kraft und einem intuitiveren, kommunikativeren Lenkgefühl.
Fazit
Der Mercedes-AMG GT63 S E Performance ist ein Widerspruch: Er ist ein schwerer, technologisch komplexer Hybrid, der es irgendwie schafft, die Seele eines Fahrerautos zu bewahren. Während seine Hybridsysteme und die berührungsintensive Benutzeroberfläche einer Verfeinerung bedürfen, macht ihn seine Fähigkeit, einen Hochgeschwindigkeits-„Tanz“ auf einer Canyon-Straße zu choreografieren, zu einer wirklich unvergesslichen Performance-Maschine.
